Trügerische Heimat

Dieses Buch hat mich direkt angesprochen, und als ich es sah, da wusste ich: Das muss ich lesen. Schon die ersten Seiten haben mich gepackt, und wenn ich nicht erst am Abend mit dem Lesen begonnen hätte, dann hätte ich es wohl in einem Rutsch durchgelesen.

Der Schreibstil ist unfassbar fesselnd und lebendig, die Schilderungen ehrlich und ungeschönt, weshalb man bei der beschriebenen Gewalt und dem empfundenen Hass schon erschrecken kann.
Mich hat es teils fassungslos gemacht, und doch wollte ich wissen: Wie wird ein junger Mann zu einem Neonazi? Was fühlt er? Was für Beweggründe hat er und wie geht es ihm damit?

Seltsam war, dass ich mich in ihn hineinfühlen konnte, obwohl ich die Handlungen zutiefst verabscheue. Dieses Gefühl war krass und irgendwie schwer auszuhalten.

Besonders eindrücklich war für mich der Aufbau des Buches. Die Kapitelüberschriften waren in der typischen Schriftart der Propaganda und Zeitungen der dreißiger Jahre nachempfunden, es wirkte wie ein kalter Hauch aus vergangenen Tagen. Unterstrichen wurde das durch die schwarzen Seiten, die im Buch verteilt waren, denn jedes Kapitel startet damit. Ein interessantes Stilmittel, das seine Wirkung auf mich nicht verfehlt hat.

Ja, es war spannend, Leo zu begleiten, von frühester Kindheit an, zu sehen, wie er in der rechtsextremistischen Szene aktiv wird, wie er ins Nachdenken kommt und wie er den Ausstieg findet.
Der größte Teil des Buches ist durchzogen von bedrückenden, düsteren und schweren Abschnitten, und doch ist alles so leicht und locker erzählt, dass man nur so durch die Seiten fliegt.

In diesem Buch, Leos Lebensbericht, erfährt man einiges über die Strukturen, die Entstehung und Weiterentwicklung mancher rechter Gruppierungen, das darin gelebte Machtverhältnis und das alltägliche Leben eines Neonazis.
Es ist erschreckend und interessant zugleich.

Am Ende des Buches findet sich ein Glossar, in dem Begriffe und Abkürzungen der rechten Szene erklärt werden. Außerdem gibt es Infos zu Ausstiegshilfen und weitere Kontakte.

"Trügerische Heimat" ist ein extrem interessantes und lesenswertes Buch. Ein Buch, das unter die Haut geht, das man nicht mehr so schnell vergisst und das aufzeigt, dass Veränderung immer möglich ist.

Leo hat zu Gott gefunden und wurde ein anderer.
Ich kann das Buch von Herzen empfehlen, mich hat es sehr gepackt und ich habe schon lange nicht mehr so einen packenden Lebensbericht gelesen.

Meine Bewertung
sehr gut
Informationen zum Buch
Trügerische Heimat
Leo Naumann mit Hauke Burgarth
Hardcover
192
2026
adeo
In seinem Zimmer hängt ein Bild von Adolf Hitler – die inszenierte Stärke und scheinbare Ordnung des Dritten Reiches faszinieren Leo Neuman bereits als Jugendlichen. Seine Kindheit ist von Alkohol, Gewalt und emotionaler Kälte geprägt; früh sehnt er sich nach Geborgenheit, Orientierung und einer klaren Identität. Als junger Mann steigt Leo tief in die rechtsextreme Szene ein, wird Mitglied der NPD und der später verbotenen „Nationalistischen Front“. Doch als bei Brandanschlägen auch Frauen und Kinder Opfer der entfesselten Gewalt werden, regt sich das Gewissen des überzeugten Neonazis. Der Ausstieg wird für ihn zur Chance auf einen Neuanfang. In seinem Buch gewährt er seltene Einblicke in die verborgenen Strukturen des Rechtsextremismus, schildert den gefährlichen und schmerzhaften Weg aus der Szene – und erzählt, wie er im christlichen Glauben schließlich Sinn und Halt für sein Leben findet. Ein aufrüttelndes Zeitzeugnis – und ein wichtiges Buch in einer Gesellschaft, in der extremistisches Gedankengut erneut erschreckend an Einfluss gewinnt.
Hinweis: Der Glaube kommt erst auf den letzten Seiten kurz zum Ausdruck. Wer eine Bekehrungsgeschichte lesen möchte sollte ein anderes Buch lesen, wer aber verstehen möchte wie es dazu kommen kann das es auch heute noch Neonazis gibt, der wird mit diesem Buch zufrieden sein.